Ein Kaufmannsleben

"Wagen und Winnen" ist der Leitspruch des kaufmännischen Berufsstandes. Dr. Hellmut Kruse, über 50 Jahre bestimmend in der Leitung der Wiechers & Helm Unternehmensgruppe tätig, erzählt mit seiner Biographie ein "hanseatisches Kaufmannsleben im 20 Jahrhundert".

 

Nachfolgend erhalten Sie einen Ausschnitt aus dem sechsten Kapitel als Leseprobe des Buchs „Wagen und Winnen“ von Dr. Hellmut Kruse:

In Deutschland hatte sich nach der Währungsreform vom Juni 1948 alles verändert. Es bestand eine allgemeine Aufbruchstimmung, die zum Wirtschaftswunder der 50er-Jahre führen sollte. Auch bei Wiechers & Helm hatte das Exportgeschäft wieder eingesetzt. Daher meinte mein Vater, es sei so viel zu tun, ich käme am besten gleich in die Firma. Der Traum vom literarischen Beruf des Verlegers war damit ausgeträumt. Nach wenigen Tagen des Abschiednehmens von bisherigen Vorstellungen begann am 2. Januar 1949 mein zukünftiges Leben als Außenhandelskaufmann.

Die Firma Wiechers & Helm wurde 1892 gegründet. Von den beiden Namensgebern war Paul Helm ein älterer Bruder von Karl O. Helm, dessen 1900 begonnene Firma nach 1950 durch Hermann Schnabel als Helm AG zu großer Bedeutung im weltweiten Chemie-Handel entwickelt wurde. Henry Wiechers war in erster Linie der Kapitalgeber des Unternehmens. Er blieb Partner bis zu seinem Tod 1925. Paul Helm starb bereits 1908. An seine Stelle trat Alfred Kaiser als die eigentliche Bezugsperson für meinen Vater, als er nach Karachi ausreiste. Die dortige Tochtergesellschaft hieß Wiechers, Kaiser & Levy Ltd. Der dritte Partner Max Levy hatte eine große Bedeutung für das Geschäft bis 1939. Da alle Aufträge auf dem Postweg oder telegrafisch abgeschlossen wurden, stellte er den einzigen persönlichen Kontakt zu den zahlreichen Vertretern und Direktkunden in ganz Indien her. (...)

Auf meiner ersten Asien-Reise ging es für mich zunächst nach Karachi. Der Flug mit einer Superconstellation der SAS dauerte 18 Stunden mit Zwischenlandungen in Rom und Lydda, dem Flughafen des neuen Staates Israel. Der Name des Beach Luxury Hotels in Karachi klang anspruchsvoll. In Wirklichkeit musste ich mein Zimmer mit einem laut schnarchenden Inder teilen. Das Flüchtlingselend in dem erst vor drei Jahren gegründeten Pakistan war unbeschreiblich. Die Einwohnerzahl von Karachi hatte sich verdreifacht.

Um Land und Leute kennen zu lernen, beteiligte ich mich gleich am ersten Wochenende an einem Familienausflug eines unserer Vertreter nach Hyderahbad zur Besichtigung einer Fabrik, in der Baumwolle aus den Fruchtkapseln der Pflanzen gewonnen wurde. Die nächtliche Eisenbahnfahrt dauerte 8 Stunden in Waggons, die durch eine umlaufende Bank nur notdürftig für den Personentransport hergerichtet waren. Da ständig irgendwelche Süßigkeiten angeboten wurden, war an Schlaf nicht zu denken. Die Fabrik war interessant, aber die Mahlzeiten beschwerlich und unbekömmlich. Auf dem Boden sitzend aßen die Männer ohne Bestecke mit den Fingern von einem großen Tablett Reis und Gewürze zu großen Stücken Fleisch, das an offenem Feuer außen geschwärzt, aber innen roh geblieben war. Die Frauen beobachteten während dessen um uns herum stehend, wie ich damit fertig wurde. Auf dem Rückweg sprang auf einer Brücke auch noch ein Wagen aus den Schienen. So war ich froh, wieder zu meinem Inder ins Hotel zurückzukehren. Für die nächsten Tage war an eine weitere Nahrungsaufnahme nicht zu denken.

Geschäftlich stürzten sich die Kunden förmlich auf meine Muster. Sie benötigten jedoch jeweils Einfuhrlizenzen, die nur begrenzt erhältlich waren. Als Beispiel konnten Ahmed Brothers 3.000 bestickte Wollschals importieren. Das war schon vor dem Krieg ein beliebter etwa 2,40 x 1,20 Meter großer Artikel für die kühlen Abende im Norden des Landes. Der leichte Wollstoff wurde in Helmbrechts in Bayern gewebt und anschließend in mühsamem Veredelungsverkehr im sowjetisch besetzten Sachsen farbig mit Blumenmustern bestickt. Der Preis war 60 Schilling pro Stück. Zuerst bot der Kunde 50 Schilling. Nach dreifachem Telegrammwechsel mit Hamburg und schwierigen Verhandlungen von dort mit unseren Fabrikanten teilweise über die Zonengrenze hinweg einigten wir uns schließlich auf 57 Schilling und 6 Pence. Als der Vertrag am Abend unterschrieben war, gestand Mr. Ahmed, diese lang entbehrten Schals zu 200 Schilling weiter verkaufen zu können. Diese Erfahrung wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis für die Händlermentalität der asiatischen Kundschaft.

Die nächste Station war Bombay. Dort bekam ich ein Zimmer im traditionsreichen Taj Mahal Hotel direkt am Hafen. Es ließ sich erahnen, wie reizvoll früher die Ankunft in Indien gewesen sein muss. Jetzt waren auch hier die Auswirkungen der Teilung des früheren Britisch Indien zu spüren. Ich hatte eine Liste mit mehr als 100 Namen von Firmen, mit denen wir vor dem Krieg in verschiedenen Produktgruppen zusammengearbeitet hatten. Das waren Vertreter und Direktkunden, Hindus, Parsis und auch noch Mohammedaner, die nicht vertrieben waren. Ich hatte mir vorgenommen, jeden an der mir vorliegenden Adresse aufzusuchen, um mir ein Bild von ihren Geschäftsmöglichkeiten nach so langer Zeit zu machen. Das war aber leichter gedacht als getan. Viele Straßen hatten keine Hausnummern. In den großen Märkten herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Entfernungen waren groß, Taxis außerhalb des Hotels schwer zu bekommen.

Als sich herumsprach, dass ich im Taj Mahal wohnte, setzte eine kleine Belagerung ein. Viele Kunden wollten meine Muster als Erste sehen. Oft hatte ich schon morgens eine Partei oben in meinem Zimmer, zwei andere warteten unten in der Halle. Abends kam ich meist spät ins Hotel zurück. Dann musste ich noch das Wichtigste telegrafieren, Muster sowie Preislisten wieder in Ordnung bringen, den Tagesbericht auf meiner kleinen Tippa Schreibmaschine festhalten und natürlich Clarita ein ausführliches Lebenszeichen schicken. In guter Erinnerung habe ich die Einladung eines wohlhabenden Parsi in ein Restaurant oberhalb der weitläufigen Bombay-Bucht, mit den legendären 5 Türmen des Schweigens im Hintergrund, der Beerdigungsstätte dieser auf Zarathustra zurückgehenden Religion. In der kühleren Abendluft war das eine märchenhafte Stimmung.

Auf drei Wochen in Bombay folgten 5 Tage in Delhi. Der Flug dorthin mit einer zweimotorigen DC 3 war sehr schaukelig. Die von der Air India angebotenen Tüten konnten meinen Bedarf kaum decken. Ich wohnte im Maidens Hotel in Old Delhi mit seinem berühmten Fort aus roten Quadersteinen und verschiedenen Moscheen aus der Zeit als Zentrum des Mogulreiches. Dort hatten auch die von mir gesuchten Kunden ihren Sitz. Natürlich kam ich auch nach New Delhi, um mir Einreisevisa für Burma, Thailand und Singapore zu beschaffen. Diese Länder wollte ich zusätzlich besuchen, weil sich schon in Bombay zeigte, dass unsere Aussichten in Indien begrenzt blieben, wegen des völligen Fehlens von Einfuhrlizenzen für Textilien jeglicher Art.

In den nächsten zwei Wochen in Calcutta bestätigte sich dieser Eindruck. Ich zeigte dem Manager der Chartered Bank meine Liste von 60 Textilkunden, von denen er etwa 55 weiter als erstklassig bezeichnete. Aber keiner konnte auch nur 1 Yard importieren. Es war ein Jammer. Es blieb uns in Indien nur das mühsame und hart umkämpfte Gebiet von Eisenwaren, Werkzeugen und Haushaltsartikeln, bei denen nur in Sonderfällen eine bevorzugte Stellung zu erreichen war. Der Eindruck von Calcutta war darüber hinaus deprimierend, ganz anders als Bombay und eher Karachi vergleichbar. Selbst vor meinem Great Eastern Hotel lagen zahlreiche Kühe auf der Straße, denen ich ihre Heiligkeit jedenfalls nicht ansehen konnte. Wohin man sah, war die Armut bedrückend. Nicht ungern begab ich mich daher am Abend des 23. Dezember zum DumDum Airport, um gegen Mitternacht nach Rangun weiterzufliegen.

Dort war mein Vetter Herbert Tiefenbacher für ein paar Monate bei der in Burma einflussreichen Firma Steel Brothers tätig. Die Weihnachtstage wollte ich mit ihm verbringen. Die Nacht zum Heiligen Abend musste ich mir noch am Flughafen von Calcutta um die Ohren schlagen, da sich meine Maschine bis um 6 Uhr in der Frühe verspätete. Aber gegen Mittag kam ich in Rangun an und fand im Strand Hotel eine sehr gepflegte Bleibe. Eine weihnachtliche Stimmung im heimatlichen Sinne konnte in dem mit Luftballons statt Tannenzweigen geschmückten Hotel natürlich nicht aufkommen. Aber wir sahen „Vom Winde verweht“ im Kino und waren zufrieden, zusammen zu sein. Geschäftlich war in Burma nur wenig zu machen wie in Indien. Die politischen Verhältnisse blieben für Jahrzehnte unsicher.

Es ist nach dem weltweiten Siegeszug der E-Mail und des mobilen Telefons kaum noch vorstellbar, dass meine Verbindung mit zu Hause während der ganzen 4-monatigen Reise nur durch Briefe und in dringenden Fällen durch Telegramme bestand. Letztere waren in Pakistan und Indien nur mit langen Warezeiten an einem Postamt aufzugeben. An Clarita schickte ich 75 randvoll getippte Schreibmaschinen-Seiten und doppelt so viele an die Firma. Es gab noch kein Diktiergerät und kein Fax. Die Wartezeiten auf Briefe waren entsprechend lang. Aber der Intensität der Verbundenheit tat es keinen Abbruch. Die Freude war entsprechend groß, als ich Anfang März wieder in Hamburg eintraf.

Das Hamburger Abendblatt schrieb am 12.03.1951: „Von dem Flüchtlingselend, das in Karachi herrscht, nachdem bei der Teilung Britisch Indiens wechselseitig Millionen von Hindus und Mohammedaner ausgetrieben wurden, von Bombay, wo man sich im schönsten Hotel nicht satt essen kann, von dem zerstörten Rangun, das noch heute durch die Aufständischen von seinem Hinterland abgeschnitten ist, von Bangkok, wo es noch eine große Zahl von Deutschen gibt, von der Ordnung und dem Reichtum in Singapur und von manchem anderen berichtete höchst anschaulich Dr. H. Kruse, der als jüngstes Mitglied des Ostasiatischen Vereins erst vor wenigen Tagen von einer Reise durch Südasien zurückgekehrt war“. Vor dem Krieg war eine derartige Rede beim traditionellen Liebesmahl üblich. Nach dem Krieg blieb es einmalig, weil sich der Reiseverkehr schnell vervielfachte.

 

 

330 Seiten mit zahlreichen Abbildungen,
gebunden im Schutzumschlag
ISBN: 3-434-52618-8